Das Opfer der Prinzessin in der Weide

Eine Legende zum Mondfest und über die besondere Bedeutung der Weidenbäume

In der sehr alten Zeit gab es noch keine Priester. Die Menschen waren wenige und alle Fürsprache, die sie bei den Göttern hatten und alle Opfer unternahm die kaiserliche Familie selbst.

Es gab in jener Zeit eine Prinzessin des Kaiserhauses, die berühmt und geliebt war für ihre Tänze zu Ehren der Götter. Oft drängten die Menschen sich dicht vor den Tempeln, um die fließenden Bewegungen ihrer Glieder zu bewundern. Diese waren so leicht wie Blätter in sanftem Wind, so biegsam und geschmeidig wie junge Zweige.

Es kam zu dieser Zeit ein großes Unheil über das Land, ein schreckliches Erdbeben, das die Ernte vernichtete und in dem viele Menschen starben. Die Überlebenden litten bitteren Hunger und fürchteten um die Seelen ihrer Anverwandten, die so ganz plötzlich und ohne ihre Schuld zu tilgen aus dem Leben gerissen waren, wollte man vor dem Richter der Unterwelt für sie bitten.

Doch wagte sich niemand, diesem strengen Gott unter die Augen zu treten und ihn um Milde zu ersuchen. Selbst der Kaiser fürchtete ihn, denn keiner ist ohne Schuld in der Welt. Einzig die Prinzessin hatte den Mut und begab sich ganz allein in den Tempel. Dort betete sie eine ganze Nacht und einen ganzen Tag um Rat, wie sie nur auf sich gestellt dieses Werk vollbringen sollte. 

Als in der zweiten Nacht der Mond am Himmel stand, begann sie zu tanzen. Keine Musik war da, keine Flöten und keine Trommeln, nur der weiche Klang ihrer Kleider und ihrer Schritte. Doch schien sie einer Melodie zu folgen, schöner als jede, die man je gehört hatte. Es war die Melodie des Mondlichts, zu der sie tanzte. Ein Lied für keines Menschen Ohr.

Ihr wunderschöner Tanz dauerte die ganze Nacht. Als am nächsten Morgen die Menschen zum Tempel kamen, fanden sie die Prinzessin nicht mehr. Stattdessen stand vor dem Tempel ein junger Baum, der seine langen Zweige sanft im Morgenwind wiegte. Es war eine Weide, wie man sie heute vor vielen Tempeln findet.

Ihr Wuchs war so rätselhaft, dass man nicht sagen konnte, ob er sich der Tiefe oder dem Himmel zuwandte. Und so sagten manche, es sei der Richter der Unterwelt gewesen, der im Tausch für die Seelen die Prinzessin verwandelt hatte. Andere sagten, es sei der Mond, der sich wünschte, dass ihr Tanz nie enden möge. Doch sahen die Menschen von da an diesen Baum und alle seiner Art als Orte, an denen Himmel und Erde zusammentreffen und eine Seele in beide Wege wachsen mag. 

Auch heißt es, das hernach viele Menschen in ihren Häusern kleine Kugeln aus klebrigem Reis vorfanden, so weiß und rund wie ein voller Mond. Diese gaben ihnen den ganzen Winter über Nahrung, sodass keiner Hunger leiden musste.

 

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