Von den Schlachten im Süden

Ich habe etwas zu erzählen. Das lässt mir immernoch keine Ruhe.

Sicher habt ihr ja gehört, dass im Süden der Krieg wieder angefangen hat. 

Ich komme von dort, habe dort gekämpft als Söldner für den Norden. 

Mein Name ist Manji.

In einer Schlacht um die Provinz Ishida wurde ich verletzt von einer Feuerkugel. 

Deshalb musste ich fort. Aber das ist es nicht allein. 

Ich habe Angst vor diesem Krieg bekommen, nach allem, was ich gesehen habe. Ich habe schon vorher viele Jahre gekämpft, auf beiden Seiten. Glaubt mir, ich habe vieles gesehen. 

Menschen sind die schrecklichsten Bestien, die schlimmsten Unwesen, die diese Welt kennt. 

Doch irgendwie, ich weiß nicht wie, habe ich das immer ertragen. Schlimmer noch, ich war ein Teil davon, habe selbst gräßliche Dinge getan ohne darüber nachzudenken. Diese Dinge, die man Krieg nennt.


Aber in jener Nacht, als ich verletzt wurde, bin ich ein anderer geworden. 

Es war eine so seltsame Nacht, in der Mitte des Jahres und noch dazu Vollmond. Alles war geisterhaft hell, aber nirgendwo gab es Farben. Das Land vor uns grau, die Berge hinter uns schwarz und die Luft noch heiß wie am Tage. Pechfarben zog sich der Fluss Ishikawa vor uns durch die Ebene, dessen Brücke wir einnehmen sollten. Von dort ins Herz der Provinz.


Wir waren mit einem kleinen Heer im Schutz eines Waldes von Norden her in die steinigen Ebenen von Ishida herunter gekommen. Es war noch so hell durch den Mond, dass wir nicht einmal Fackeln brauchten. Beste Bedingungen für einen nächtlichen Überraschungsangriff.


Selbst mitten in der Nacht sangen noch die Zikaden. Und von Süden her zog Sturm auf. 


Ein Zeltlager aus südlichen Truppen lag nicht weit hinter der Grenze. Sie hatten uns bemerkt und rüsteten schnell auf. Wenig später schon prallten wir aufeinander. 

Ich habe noch niemals so eine Schlacht geschlagen. 

Eine Schlacht wie von Geistern – weiß glänzende Augen, schwarzes Blut, Klingen in denen sich Sterne spiegelten. Dazwischen wir Blitze in einem Gewitter die Flammen der Feuerwaffen.

Jeder Schrei hallte tausendfach über die stumme weite Ebene. Als wären neben uns hundert, nocheinmal tausend Schatten.

Obwohl wir große, schwarz weiße Zeichen trugen, war es oft schwer zu erkennen, wer Freund und Feind war. Jedes Gesicht schien mir gleich – eine Fratze aus Panik, Wut und Hass. 


Bald wurde ich von dem Schuss aus dem Feuerrohr getroffen, einfach aus dem nichts, ich ahnte nichts kommen. Durch meine Verletzung war ich gezwungen, zurückzubleiben. Viel Blut war aus meinem Körper gelaufen, bis ich die Wunde gestopft hatte. Ich fühlte mich seltsam leicht und atmete schwer.


Ich blickte vor mir auf schwarze Schatten von Menschen, die sich zusammenballten wie eine Faust, hörte das Schreien der Sterbenden und dachte: So muss es in der Hölle sein. 

Ich sah auch gar nicht mehr, wer auf beiden Seiten noch befehlen konnte, alles und jeder schien sich in den Kampf zu stürzen, der rasender und immer rasender wurde. Hasserfüllt und ohne Maß hieben und stachen sie alle aufeinander ein. 

Über all dem näherte sich der volle Mond langsam dem Horizont, er wuchs vor meinen Augen zu einer riesigen, blutroten Scheibe an, in deren rätselhaften Schatten ich eine von Hass und Mordlust verzerrte Fratze zu sehen glaubte. Einen höllischen Totenschädel, der im Echo eines jeden Schusses, eines jeden Klingenschlages wahnsinnig zu lachen schien und damit die Krieger auf dem Feld zu noch mehr Raserei antrieb. Sie hackten auf die Verwundeten, auf die Toten, ich glaube auch auf Freunde wie Feinde ein, gingen entwaffnet mit bloßen Händen und Zähnen wie Tiere aufeinander los und rissen sich die Arme und Köpfe herunter als wären Dämonen in ihnen. 

Ich verlor dann das Bewusstsein und wachte erst mit den Strahlen des Morgens auf, im kalten, taunassen Gras. 


Danach habe ich den Dienst verlassen. Ich tauge sowieso zu nichts mehr. Vielleicht mag meine alte Mutter hier oben im Norden mich wieder aufnehmen. 

Doch die Bilder jener Nacht verfolgen mich bis heute. Mir scheint es, als sei ein Schleier gefallen, der mich vorher nicht sehen ließ, wie schlecht die Menschen sind.

Und ich habe noch immer Angst, eines Tages wieder Gesichter im Mond zu sehen.


Autor UY

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