Die heldenhafte Kaiserin Muayu

 

Vor vielen hunderten Jahren regierte in Tou eine weise und geliebte Kaiserin namens Muayu. Sie war eine in vieler Hinsicht ungewöhnliche Herrscherin von der mancherlei Legenden erzählen. 


Muayu wurde unter dem Namen Iyo geboren, was “Wald” bedeutet haben mag. Als kleines Mädchen sah sie auf einer Reise einen wunderschönen Schmetterling, der sie ganz verzauberte. Kaum hatte man es sich versehen, war sie schon von der Seite ihrer Amme gewichen und in die endlosen Wälder der Berge gelaufen. Viele Tage und Nächte suchte man nach ihr, doch konnte sie niemand finden. Schließlich gab man die Suche auf und alle Menschen im Land trauerten, denn sie glaubten die kleine Prinzessin tot in einer Schlucht oder einer Felsspalte.


Einige Jahre später jedoch verunglückte ein Holzfäller in den Wäldern, in denen die Prinzessin verschwunden war. Verletzt und gefangen unter einem Baum, den er selbst geschlagen hatte, sah er mit unsäglichem Schrecken die Nacht hereinbrechen. Im Zwielicht erblickte er die glühenden Augen eines Rudels von Wölfen, das der Geruch seines Blutes angelockt hatte. Schon waren sie bei ihm, knurrten und heulten, bis er beinahe besinnungslos wurde vor Angst. Da tauchte in ihrer Mitte eine menschliche Gestalt auf – eine junge Frau die sich ganz ohne Angst unter ihnen bewegte. Sie ging zu ihm hin, grollte aus tiefster Kehle, und die Wölfe wichen zurück. 

„Wer bist du?“, fragte er entgeistert. 

Sie schien zu erschrecken vor seiner Stimme und lief davon. 

Kurz darauf jedoch kehrte sie zurück, diesmal reitend auf dem Rücken eines Bären. Eine Majestät war um sie, die den Holzfäller staunen ließ. Der Bär schob mit seinen riesigen Pranken den Baum davon, unter dem der Holzfäller gefangen war. Dann verschwanden sie alle, die Wölfe, der Bär und die junge Frau, wieder im Dunkel des Waldes. 


Schnell sprach sich die Geschichte herum und man erzählte sich bald von einer Prinzessin des Waldes und der Berge. Als die alte Amme am Kaiserhof davon hörte, war sie voller Hoffnung. Sie reiste so schnell sie konnte in jenen Wald. Nach Tagen des rastlosen Suchens brach sie zusammen und weinte sehr, denn sie glaubte, zwischen den schweigenden Bäumen und Felsen allein vor Erschöpfung zu sterben. Wie groß war aber ihre Freude, als plötzlich eine menschliche Stimme sie ansprach: "Wer bist du?" 

Und sie blickte in das schöne, stolze aber ganz freundliche Gesicht einer jungen Frau, in der sie sofort die verlorene Prinzessin wiedererkannte.


Auch wenn die Prinzessin ihr folgte und fortan wieder am Hofe lebte und lernte, die Wege der Menschen zu verstehen, schien sie doch dort unglücklich. Oft verschwand sie über Wochen und Monate zurück in die Wälder. Zunächst glaubte daher niemand, dass aus ihr einmal eine Kaiserin werden könnte. Spottend nannten manche sie Ara-hime, die ungezähmte Prinzessin.


Eines Tages aber erschien sie nach einer solchen Flucht wieder vor den Ministern des Hofes und sagte: "Ein großes Unheil naht uns von Norden. Wälder sind gefallen um Schiffe zu werden und ein Heer voller Durst nach Blut überquert das Meer. Das haben die Vögel mir gesungen." 

Zunächst wollte keiner den Worten Glauben schenken und man ließ sie wieder ziehen. Nur ein junger General namens Taka no Nagatomo folgte ihr um zu sehen, was geschah. 


Die Prinzessin hatte wahr gesprochen: Der Herr der Weite, ein großer Einiger  der Stämme des Kontinente, hatte tatsächlich ein Heer aufgestellt, das mit einer Flotte auf dem Weg war, in den Norden von Tou einzufallen. Die Prinzessin und der General sahen die unzähligen blutroten Segel, als sie die nördlichen Inseln erreichten. 

"Wir haben keine Armee und keine  Boten, um nach Hilfe zu schicken!", rief der General voll Sorge bei diesem Anblick. 

Doch die Prinzessin lächelte nur und antwortete: "Ich bin das Kind dieses Landes. Das Land kämpft an meiner Seite." 


Wenig später sah man am Kaiserhof etwas ganz wundersames: Rehe, so flink und schnell wie der Wind, sprangen heran und brachten eine Nachricht von Hand des Generals mit der Bitte, in aller Eile zum Krieg zu rüsten. 

Die ersten Krieger staunten dann noch einmal mehr, als sie auf den Inseln des Nordens anlangten: Nicht nur war die gewaltige Flotte des Herrschers der Weite schon angelandet und blutrote Segel reihten sich bis zum Horizont. Auch tobte dort eine Schlacht, wie noch keiner von ihnen sie je gesehen hatte. Die Fische des Wassers und Vögel im Himmel stürzten sich in riesiger Zahl auf die Schiffe der Feinde. An Land kämpften Wölfe und Bären mit Zähnen und Klauen gegen die fremden Krieger. Und in ihrer Mitte sah man die Prinzessin und ihren treuen General, jeder auf einem gewaltigen Hirsch reitend, die sich tapfer dem Feind entgegen stellten. Dieser Anblick war für die Krieger Tous so unglaublich und erhebend, dass sie vom Kampfgeist durchdrungen und mit fürchterlichem Kriegsgeschrei in die Schlacht stürzten. 


Es soll wohl zwanzig Tage und Nächte gedauert haben, bis das gewaltige feindliche Heer besiegt war. Die Krieger Tous gaben nicht auf und ruhten nicht, denn das leuchtende Beispiel der Prinzessin stand vor ihnen, die unermüdlich kämpfte. 


Nach ihrem Sieg wurde die Prinzessin des Waldes zur Kaiserin Muayu. Sie regierte lange, gerecht und in Frieden. Denn obwohl der Herrscher der Weite noch mehrmals versuchte, seine Kämpfer nach Tou zu führen, gelang es ihm doch niemals, einen Fuß auf die Hauptinsel zu setzen. 


Muayu wird noch heute als Beschützerin der Inseln von Tou verehrt und in unsteten Zeiten bittet so mancher um den Beistand ihres Geistes. Auch hält man seit ihrer Zeit die Rehe und Bären, aber auch die Wölfe auf den nördlichen Inseln in Ehren und kein Toujin legt Hand an sie. 


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