​Regenzeit

„Das ist Zetsubi, ein großartiges Tier“, der Händler zeigt auf einen Fuchs mit edlem Kopf und breiten Schultern und zieht sofort seine Hand zurück unter den lackierten Schirm, den er in der anderen hält. „Er ist verlässlich und mutig! Sein letzter Besitzer war Samurai, ist bei Sasagahara gefallen.“ Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie der Händler mich mustert, meine Noragi-Kleidung, das alte Tuch, das meine Haare verdeckt und auf dem der leichte Nieselregen staubige Spuren hinterlässt, die zerschlissenen Sandalen. Berechnung und Freude mischen sich in seinem Blick. „Er wird der Richtige sein für Deinen Herrn, hat Temperament und beeindruckt mit seiner Statur!“ Der Regen ist kalt für einen Sommertag. Er erschafft Dunst, der sich über die aufgeheizten Dächer und in die Straßen legt wie vollgesogener Winternebel. Das trübe Licht wäscht alle Farben aus der Luft. Ich nicke wiederholt, halte die Schultern gesenkt und versuche, das Geplapper des Händlers zu ignorieren. Er ist untersetzt, sein Leibesumfang zeugt von gutem Einkommen und seine Kleider zeigen die Motive der neuesten Bühnenstücke im entfernten Miyako. Er drängt sich auf und versucht mich abzulenken von den wichtigen Details. Der unruhige Blick des großen Fuchses spricht von Schlachtfeldern und endlosen Straßen, sein starrer Hals von Angst. Sein Fell ist an den Flanken nicht richtig gesäubert worden, wahrscheinlich lässt er sich nicht gern anfassen. Ich lasse ihn in Ruhe und gehe weiter am Gatter entlang. Hinter ihm döst ein Falber, die Ohren vorn, den Kopf gesenkt. Sein langer Rücken verspricht einen weichen Sitz. Ich schnalze leise, um seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Als das Pferd vor mir steht, hält es keinen zögerlichen Abstand und folgt mir, als ich mich halb abwende und am Gatter entlang gehe. „Der ist nichts für einen hohen Herren!“ Der Händler ist irritiert, dass ich ihm den Rücken zuwende. Ungeduld schwingt in seiner Stimme. „Allein die Farbe! Dein Herr wird Dich schlagen, wenn Du ihm so ein Tier anbringst!“ Ich verbanne die Verachtung aus meinem Gesicht, ehe ich mich umdrehe und verbeuge mich tief vor ihm. „Verzeiht meine Unwissenheit. Jedoch soll ich auch ein Packpferd mitbringen und er sieht gesund aus. Bitte stellt mir eine Urkunde für ihn aus, Meister.“ Der Händler kehrt zu dem Fuchs zurück, gestikuliert aufgebracht. „Und was ist mit ihm? Willst Du Deinen Herrn verärgern?“ Meine Verneigung bleibt bestehen. „Mein Herr wird ihn zuvor sehen wollen, er hat sehr konkrete Vorstellungen. Natürlich werde ich berichten, was Ihr ihm empfehlt.“ Das kurze Zögern des Mannes ist ausreichende Genugtuung. Wortlos lässt er mich stehen und schickt kurz darauf einen Gehilfen mit dem Papier. Ich tausche es ein gegen die Summe an Münzen, die er nennt und hole den Falben aus dem Gatter. Der Regen verstärkt sich, als ich ihn durch die Straßen der kleinen Stadt führe. Das Grau der alten Holzläden wirkt schwarz in der Nässe. Die hübschen Noren, die die Eingänge der Gasthäuser und Läden gegen Staub schützen, hängen schlaff im feuchten Dunst. Ich befühle die Menge der übrigen Münzen in meinem Ärmel, während ich mir die Nässe aus den Augen streiche. Zu Wenige für dieses Viertel. Zu Viele für den Gokudou-Bezirk, der dahinter liegt. Ich nehme einen Umweg zu dem Gasthaus am Ostrand in Kauf, zu dem am Morgen eine größere Reisegesellschaft unterwegs war. Vielleicht brauchen sie Geleitschutz. Während nun auch meine Jacke an meinen Schultern zu kleben beginnt, bereue ich langsam, den Strohhut nicht mitgenommen zu haben. Das Pferd neben mir schüttelt seinen nassen Kopf. Eine ältere Dame unter einem breitrandigen Hut geht an mir vorbei und beäugt mich misstrauisch. Ich nicke ihr zu, doch sie senkt nur ihr Kinn, wendet den Blick ab und beschleunigt ihre kurzen Schritte grußlos. Innehalten. Ein kalter Wassertropfen rinnt an meiner Nase entlang. Ich wische ihn fort und meine Irritation mit ihm. Es überrascht mich, wie sehr mich diese Banalitäten noch immer treffen. Erziehung abzulegen ist mindestens ebenso so schwer wie sie sich anzueignen. 

Es gibt kein ehrliches Wort mehr seit ich den Hof verlassen habe. Alles ist nur noch Täuschung und Versteckspiel. Meine hohen Ansprüche an einen höflichen Umgang gleich ob mit einem Fremden oder einem alten Freund sind mehr als hinderlich im Alltag auf der Straße. Der Krieg führt nicht nur zu Leichen in den Flüssen oder im Straßengraben, auch verbreitet sich Leblosigkeit und Härte in jedem Gesicht, das zu mir aufblickt. In allen Augen steht das Abwägen zwischen Flucht oder Angriff, Unterwürfigkeit oder Herausforderung, Raub oder Bitte. Die Waffe in meinem Gürtel und das Bündel auf meinem Rücken lenkt ihre Augen ab, lässt die Meisten zögern und vorüber gehen. Manche jedoch macht es hungrig. Den Hunger verstehe ich, doch jener in mir richtet sich auf Vergeltung und Gerechtigkeit. Ungebeten sehe ich wieder die Audienzhalle Takamatsus vor mir und die Clanabzeichen des Diamanten überall. 

Die Mitglieder der Garde- und Wachführung und die hohen Beamten des Haushofs knieten vor dem Ehrenplatz Kitano Norimasas. Der Herr des Hauses wirkte erschöpft, seine Züge waren grau, doch seine Haltung war aufrecht und er nahm den Blick nicht von uns. Ein Beamter des Kaiserhofs in vollem Ornat trat wenige Schritte hinter dem Daimyou vor, verneigte sich respektvoll vor ihm und hielt dann eine Schriftrolle empor, auf der das kaiserliche Wappen prangte. „Mit dem heutigen Tage ergeht der kaiserliche Erlass“, trug er mit lauter Stimme vor, „dass das Haus Kitano alle Samurai zu entlassen hat, die Waffendienst an seinem Hofe und seinen Ländereien leisten. Bis eine Klärung der erhobenen Anschuldigungen erreicht wird, sind ihre Privilegien aufgehoben und sie haben sich von ihren Posten zu entfernen! Wer dieser Aufforderung bis Sonnenuntergang des heutigen Tages nicht nachkommt, wird hingerichtet!“ Kälte kroch durch meinen Körper wie Gift. Trotz aller Befürchtungen und Ankündigungen bereitete mich nichts auf diese Worte vor. „Weiterhin werden alle Samurai entlassen, die dem Hause in anderen Stellungen dienen, jedoch im Stande wären, Waffen zu führen! Sie werden gemustert und nach ihrem körperlichen Vermögen beurteilt!“ Die Worte schürten ungläubiges Raunen in unseren Reihen. Der Erste Mundschenk und Haushofmeister Yori Hisahito schnappte nach Luft und blickte kurz auf. „Das ist unerhört“, murmelte er halblaut. „Wie könnt Ihr es wagen!“ Ich sah wie die Träger des Diamantwappens unruhig wurden. Kitano Norimasa bedachte seinen Mundschenk mit einem eisigen Blick und der Mann verstummte. Tosugis Männer, die die Kaiserlichen begleiteten und am Rand der Halle den Platz unserer Wachen einnahmen, grinsten und tuschelten. Eine Tauglichkeitsmusterung? Wir sind kein Vieh, das man begutachtet und nach Können sortiert! Ich musste mich vorbeugen und meine geballten Fäuste auf die Matten legen, um nicht aufzuspringen. Die entschlossene Stimme Kitanos durchschnitt die Unruhe. „Kommandant Takane, stellt dem Ehrenwerten Gesandten eine Liste derer zur Verfügung, die seinen Kriterien entsprechen und teilt allen die Anordnung des Kaisers mit.“ Takane Yoshinoshin, der Kommandant der fürstlichen Leibgarde, ließ sich nicht provozieren. Seine Stimme klang gepresst, als er die Worte unseres Daimyous bestätigte, doch seine Haltung blieb unverändert. Kitano entließ uns mit einer Handbewegung und ich verließ, gefangen in einem Alptraum die Halle. Schon auf dem Weg zu den Unterkünften der Garde hielt ich auf dem Absatz einer steilen Treppe inne und wählte dann den Flur zu den inneren Bezirken und den Räumen der Familie. Die Burg war unwirklich still wie zu einer Trauerfeier, doch murmelten in jedem Winkel Bedienstete und huschten davon, sobald jemand vorüber kam. Eine lange Zeit wartete ich vor den Privatgemächern Prinzessin Akas. Selten fiel es mir so schwer. 

Das Entsetzen über den Erlass des Kaisers begann, wie ein Schwarm Hornissen in mir zu wüten, bis sogar meine Hände zitterten. Wie konnten wir die Burg ungeschützt lassen? Wie konnte ich die Familie ohne Garde zurücklassen? Eimai, die junge Zofe, die heute im Inneren Bezirk diente, sah mich erschrocken an. Ich entschuldigte mich mit einer Verbeugung und versuchte, mich zu beruhigen, bis man mich schließlich einzutreten aufforderte. Die Prinzessin Kitanos trug wie alle Familienmitglieder Trauergewänder und saß an einem flachen Tisch vor etlichen Schriftstücken. Zwei Gesellschafterinnen gingen ihr zur Hand, eine flüsterte ihr bei meinem Eintritt etwas ins Ohr. Ich kniete mich wortlos direkt neben die Tür, die Eimai wieder hinter mir schloss und verbeugte mich tief. „Ah, Taneko.“ Aka Hime blickte kaum auf. Ihre Haltung und Stimme waren angespannt wie nach einem andauernden Streit. Meine Unruhe nahm erneut zu. Ging es ihr wieder nicht gut? Es wäre kaum verwunderlich in diesen üblen Tagen. „Nun ist eingetreten, was wir befürchteten. Lass mich wissen, wo Du Dich aufhältst, sollten sich die Pläne zum Treffen... „ sie verstummte kurz. „Sollten sich die Umstände ändern. Ich werde Nachrichten senden.“ „Ja, Prinzessin!“ Eine Handbewegung entließ mich. Bunjiro stieß zu mir, als ich mein Quartier erreichte. In seinem Gesicht stand, dass man auch der Wache längst die Entscheidung bekannt gegeben hatte. Er trug seinen Helm unter einem Arm, ein gefaltetes Gewand unter dem anderen. „Man hat Takane verboten, die Männer zu verabschieden!“ wütete der junge Soldat nach einer knappen Verbeugung. „Was für ein feiger Hund muss dieser Tosugi sein, wenn er sogar seine Männer anweist, unsere Wache an diesem Tag fortzujagen wie Ratten?“ Ich hob eine Hand und Bunjiro verstummte sofort. „Kommt auf den Sattelplatz eine Stunde vor Sonnenuntergang.“ Ich sah Überraschung seinen Zorn ersetzen. „Wir lassen uns nicht still hinauswerfen wie geprügelte Hunde! Takane wird Worte an alle richten. Sie können gern versuchen, uns davon abzuhalten.“ Die Dankbarkeit in Bunjiros Augen ließ mich schlucken. Er verneigte sich tief vor mir. „Ja, Jikyû!“ Ich erwiderte seinen Gruß und wandte mich ab, um die Tür zu öffnen. „Hast Du gehört, dass Ijikita schon erwirkt hat, bleiben zu können?“ Bunjiro lief bereits den Gang hinab und sprach über seine Schulter. Ich runzelte die Stirn. „Wie das? Er ist weder alt noch ist er unfähig mit der Klinge!“ Bunjiro stieß zornig die Luft aus. „Vermutlich hat er den Gesandten bestochen, er verwaltet ja die Steuerkasse!“ 

Ein Wagen fährt neben mir durch ein Schlagloch und das Gepolter schreckt mich aus der Erinnerung. Mein Pferd zuckt kaum bei dem Geräusch und ich bin froh über meine Wahl. Das Tier wird ein guter Begleiter werden auf den vor mir liegenden Straßen. Daimyou Kitano wurde nach Miyako berufen, um das Urteil über die Anschuldigungen des Verrats gegen den Kaiser zu erfahren. Mir wurde berichtet, dass er mit einer kleinen Gesandtschaft nach Süden aufbrechen wird und an Asais Grenze eine Ehrengarde Saigos zu seinem Schutz erwartet. Bis dahin müssen wir erfahren, welche Absichten Saigo hegt. Der Siegeszug, den er durch die Südprovinzen so unaufhaltsam führen konnte, wird seine Bescheidenheit oder Bereitschaft zu Zugeständnissen nicht fördern. Eine einfachere Gelegenheit für einen Anschlag auf den Herrn von Kitano kann ich mir kaum vorstellen. Ich lege eine Hand über die Augen, als könnte die Geste meine Befürchtungen abwenden und lasse sie wieder fallen. Die Tage von Regeln und Gesetzen sind Vergangenheit. Ich werde sie beiseite legen und vergessen und auf den Kern aller Ausbildung zurückkommen. 


von Taneko

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