Gerettet

Ein Mann kam zu mir, um sein Herz zu erleichtern. Er wäre zu seinem Weibe ungerecht gewesen und hätte ihr misstraut. Obwohl deutlich war, dass ihn etwas sehr bedrückte, wollte er mir zuerst die Geschichte nicht recht erzählen. Sein Zögern, so verstand ich später, war nicht alleine, da er sich seines Verhaltens schämte, sondern auch begründet in seiner Befürchtung, ich könne schlecht von seinem Weib denken, da sie eine ungewöhnliche Art von Freundschaft pflegte. Doch letztlich war sein Bedürfnis, dieses Erlebte zu teilen und meinen Rat einzuholen, zu groß und er sagte mir, was vorgefallen war.


Seit er sein Weib in jungen Jahren kennengelernt hatte und sie beiden einander versprochen waren, erzählten sie sich alles und eine große Aufrichtigkeit war zwischen ihnen, ein Respekt, der sie durch die Jahre tragen sollte. Einmal im Jahr, an einem Tag im Herbst, begab sich seine Frau traditionell in das Nachbardorf, um dort eine alte Freundin zu einem gemeinsamen Jahrestag zu besuchen. Sie bestand darauf, dies alleine zu tun und verbat sich stets mit aller Freundlichkeit die Begleitung ihres Mannes, und da es nur ein kurzer Weg war und sie nur eine Nacht blieb, stimmte der Mann stets. So ging es viele Jahre, selbst während sie Kinder hatten. Waren sie sehr klein, nahm die Frau sie auf ihre Reise mit, als sie größer waren, blieben sie bei dem Vater oder einer Nachbarin.


Eines Tages im späten Sommer traf der Mann einen Bekannten aus dem Heimatdorf seiner Frau und sie sprachen kurz auf dem Markt und der Mann erwähnte, dass es wieder fast soweit sei, dass sein Weib sich zu ihrem jährlichen Besuch aufmachen würde. Das verwunderte den anderen, denn die Freundin, von der stets die Rede war, sei schon vor acht Jahren an einem Fieber verstorben. Verwirrt kehrte der Mann heim und so schmerzhaft schien ihm die Lüge seiner Frau, dass er es nicht über sich brachte, sie zu fragen. Wen besuchte sie wirklich einmal im Jahr, wen hatte sie in den letzten acht Jahren getroffen, obwohl ihre Freundin nicht mehr da war? Das hässliche Gefühl, betrogen worden zu sein, wuchs und gärte in dem Mann und in den nächsten Wochen wurde er ungerecht und grob zu seinem Weibe, die oft fragte, was ihn bedrückte, doch stets konnte er nur schweigen. Als der Tag der Reise kam und das Weib darauf bestand, wirklich zu gehen, obwohl ihr Mann sich verletzend zeigte und von ihr verlangte, dieses Mal bei ihm zu bleiben, trennten sie sich in bitterem Streit. Der Mann beschloss, seinem Web zu folgen um zu sehen, was ihr Geheimnis sein möge – ein Liebhaber vielleicht? Ein Schurke, für den sie spionierte? Ein unehrliches Geschäft, dem sie nachgehen musste?


Im Rückblick erschienen dem Mann all diese Gedanken kindisch und dumm, doch an jenem Tage brannte er von Misstrauen und Eifersucht. Er folgte seinem Weibe unerkannt und wirklich nahm sie die Straße zu ihrem Dorf, doch kurz bevor sie es erreichte, verließ sie den Weg und schlug sich in die Wildnis, über Pfade, die nur von Tieren benutzt wurden. Sie folgte ihrem verwirrenden Netz eine weite Strecke, setzte sich dann nieder, aß und ruhte sich aus, und der Mann verharrte in einem Versteck. Erst als es dunkel geworden war, setzte die Frau ihren Weg fort bis hin zum Fluss, der träge und still war in dieser Nacht, der aber, so wusste es alle hier, gerade im Herbst auch reißend und tückisch sein konnte. Hier streifte sie am Ufer entlang, bis der Mann einen seltsamen Feuerschein voraus wahrnahm. Ein Feuer, ein Lager, ein Mensch! So dachte er es sich und wartete schmerzerfüllt auf die Enthüllung der Art der Untreue seines Weibes. Doch was er zu sehen bekam, war von gänzlich anderer Art.


Über dem Schilf des Ufer schwebte eine vollkommen absonderliche Gestalt. Im ersten Moment schien sie ihm ein Vogel zu sein, mit Schwingen aus Flammen und Feuer, doch dann bemerkte er, dass die Kreatur den Kopf eines Hundes trug. Sie tat nichts, als dort am Rande des Flusses zu verharren, bewegte sich sacht und schlug mit den Flügeln, die flammende Spuren in die Dunkelheit woben. So absonderlich und erschreckend dieser Anblick war, der Frau schien er keineswegs fremd zu sein. Sie näherte sich ohne jede Angst, öffnete ihr Bündel, nahm Opfergaben heraus und legte sie auf einem Stein, setzte sich nieder und betete. Dann begann sie, mit dem Feuerwesen zu plaudern. Sie berichtete ihm von ihrem letzten Jahr, von den Freuden und den Betrübnissen der Monate, und als der Mann hörte, wie sie dem Hundevogel von seinem eigenen groben Verhalten der letzten Wochen berichtete, entrang sich ihm ein Schluchzen. Sein Weib blickte verwundert auf, dann zeigte sich Verstehen auf ihrem Gesicht und sie rief seinen Namen. Er verließ sein Versteck, ohne dass der Feuerhund ihn zu beachten schien, setzte sich zu ihr und bat sie um Vergebung. Sie nahm seine Hand und erklärte ihm, was sie all die Jahre hier getan hatte.


Als sie ein junges Mädchen war, kurz bevor sie heiraten würde, erntete sie am späten Abend flussaufwärts bei ihrem Dorf Wurzeln am Ufer. Es war ein stürmischer Tag und das Wasser unbändig, doch sie brauchte die Wurzeln für einen Tee für ihre Großmutter, die krank war. So sehr zerrte sie an der Pflanze, dass, als diese mit einem Male nachgab, sie den Halt verlor und in den Fluss stürzte, der sie gleich mit sich davon trug. Das Wasser war wild und eisig kalt und in den Strömen und Strudeln vermochte sie weder zu schwimmen noch das Ufer zu erkennen, und schließlich wollte sie erschöpft einfach aufgeben und untergehen. Ihr einziger Gedanke war, wie traurig es ihr erschien, so kurz vor ihrer Hochzeit sterben zu müssen. Doch dann sah sie einen Feuerschein in der Finsternis und der gab ihr neue Kraft und half ihr zu wissen, in welche Richtung sie musste. Mit dieser Hilfe kämpfte sie sich durch den Strom bis hin zum Schilf. Als sie aus dem Wasser stieg, frierend und zu Tode erschöpft, sah sie, dass es kein Lagerfeuer war, sondern dieser Feuervogelgeist, dessen Licht sie gesehen hatte. Sie sank vor ihm auf das schlammige Ufer, dankte ihm für ihr Leben und blieb in seinem Schein und Schutz und seiner seltsamen Wärme, bis der Morgen kam und sie sich auf den Heimweg machen konnte.


Seitdem war kein Jahr vergangen, ohne dass sie an diesem Tag, der den Beginn ihres zweiten Lebens markierte, an diese Stelle und zu dem Geist zurückkehrte, um ihm Opfergaben zu bringen, ihm zu danken und zu erzählen, was sie mit dem Leben angefangen hatte, das er ihr neu geschenkt hatte in jener Nacht. Nie tat er etwas, nie sah er sie an oder reagierte auf ihre Worte, doch stets war er dort, wenn sie kam, und das war ihr genug. Sie hatte diese ganze Geschichte nicht erzählt, denn es war etwas so eigenes und so schwer in Worte zu fassen, dass sie am Anfang ihrer Ehe nicht gewusst hatte, wie ihr Mann es aufnehmen würde. Und als die Jahre verstrichen, war es zu spät, um die alten Ausreden aufzugeben und die wahren Beweggründe zu enthüllen. So baten sie einander um Verzeihung für ihren Mangel an Vertrauen und was daraus erwachsen war. Der Mann dankte dem Feuervogel für die Rettung seiner Frau und gemeinsam kehrten sie im ersten Morgenlicht heim.


Der Rat, um den der Mann mich nun bat, war, ob es richtig sei, zu einem Geist zu beten und ihm so treu zu danken oder ob das eine Gefahr in sich tragen mochte, die Ahnen verärgern oder die Tür einer Welt öffnen, die wir nicht verstehen und die uns schaden mag. Ich dachte darüber nach und beruhigte ihn mit dem Gedanken, dass wenn alles, was jener Geist jemals getan hatte war, dass er ein leitendes Licht und eine Rettung in der Dunkelheit gewesen war, gewiss kein Unheil von ihm ausginge. Und dass Dankbarkeit, ganz gleich ob in der Welt der Menschen oder der Geister, die Münze der Bezahlung ist, die mehr glänzt als alles Gold, das wir ansonsten so hingebungsvoll und sinnlos verehren.


Autor: Britta

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