Fuchsgeschwister

Die vergängliche Welt der Vergnügungsviertel mit ihren engen, von bunten Laternen erleuchteten Gassen ist seit jeher ein Ort der Legenden. Alles ist hier schöner Schein, niemand zeigt je sein wahres Gesicht. Manches Dunkle mag sich darin verbergen.


Einstmals, so sagt man, gab es im Kabuki-cho von Sakai einen gefeierten Schauspieler, genannt Ichikawa Danjuro, dritter seines Namens. Er war berühmt für die Rolle des jungen Helden, die er in vielen Variationen darzubieten verstand. Seine kraftvollen Posen, sein makellos schönes, ausdrucksvolles Gesicht und seine funkelnden Augen ließen das Publikum in den Theaterhäusern vor Begeisterung toben.

Ichikawa badete in ihrem Jubel, Stunde um Stunde, Nacht für Nacht. Selbst nach einer Vorstellung umgab er sich nur mit schönen, jungen Menschen, die ihm schmeichelten und ihm unablässig ihre Bewunderung ausdrückten. Von diesen gab es viele und nichts anderes wollte er hören. Wenn sie ihn langweilten, scheuchte er sie zornig fort und betrachtete allein nächtelang die beliebten Drucke mit Bildern seiner größten Rollen. Obwohl es viele Bewerber gegeben hätte, nahm er sich keinen Schüler, um seine Kunst weiterzugeben. Er wollte seinen Ruhm weder teilen noch anderen dazu verhelfen. So ging das viele Jahre.


Schließlich aber kam der Tag, da man ihm anbot, statt des jungen Helden nur dessen würdigen Vater zu spielen. Es war eine viel geringere Rolle, die kaum Jubel versprach. Ichikawa tobte und drohte dem Herrn des Theaters, doch der blieb hart. Man hatte einen neuen Liebling gefunden.


Ichikawa bekam schnell heraus, wer es war: Ein junger, bisher unbekannter Schauspieler von malerischer Schönheit, mit klangvoller Stimme und geschmeidiger Eleganz, wie sie ihresgleichen suchte. Selbst in seinen jüngeren Jahren, das musste Ichikawa sich eingestehen, hätte er diesem nicht das Wasser reichen können. Doch das machte ihn nur umso wütender.


Er setzte von da an alles daran, seinen Rivalen aus dem Weg zu schaffen. Mehrere Tage und Nächte spionierte dem jungen Mann nach, fand aber nichts Verwerfliches über ihn heraus. Anscheinend lebte er ruhig und bescheiden in einem Haus etwas abseits am Rande der Stadt, zusammen mit seiner Schwester. Auch wenn ihn nach den Proben häufig Bewunderer umschwärmten, zog er sich früh zurück, um am nächsten Tag wieder konzentriert arbeiten zu können. Es gab keine alten Händel, keine verflossenen Affären, die man gegen ihn verwenden konnte. Beinahe schien es, als sei er aus dem Nichts in die Stadt gekommen.

Ichikawa begann also selbst Lügen zu spinnen, die er über den Jüngling verbreiten ließ: Mädchen des Viertels tuschelten gegen Geld von seinen vermeintlichen Eskapaden, Spieler und Trinker behaupteten, ihn zu kennen als einen der ihren. Doch niemand schien das alles wirklich glauben zu wollen. Selbst ein Beutel Münzen aus der Kasse des Theaters, den Ichikawa ihm unterschob, fand auf seltsame Weise seinen Weg zurück an den alten Platz.

Schließlich, da der Tag der ersten Vorstellung näher rückte, wusste sich Ichikawa nicht anders zu helfen und bezahlte eine Bande von Rohlingen, dem jungen Mann auf dem Heimweg aufzulauern. Sie kehrten aber unverrichteter Dinge zurück und schworen, sie hätten auf dem Weg zu dem Haus die ganze Nacht niemanden kommen sehen, auf den die Beschreibung des Schauspielers passte.


Außer sich vor Wut machte Ichikawa sich in der Nacht vor der ersten Vorstellung selbst auf zu dem Haus seines Widersachers. Er war zu allem entschlossen und trug einen Dolch versteckt in seinem Gürtel.

Auf dem Weg begegnete er niemandem und auch das Haus lag still als er ankam. Heimlich schlich er herum und lugte durch den Spalt einer Tür ins Innere des einzig noch erleuchteten Raumes. Dort saßen bei Kerzenschein ein alter Mann und eine alte Frau in Nachtgewändern. Ichikawa hielt sie für die Eltern des jungen Mannes, denn sie sahen ihm sehr ähnlich. An der Wand der Raumes hing der Kimono, den der Jüngling an diesem Tag in der Stadt getragen hatte. Im Licht der Kerze schien auch dessen Stoff alt und fadenscheinig.

Die alte Frau stand in diesem Moment auf und nahm aus dem Wandschrank eine kleine Dose mit einem feinen Puder. Dieses stäubte sie zuerst auf ihr Gesicht, dann auf das des Mannes und schließlich sogar auf den Stoff des Kimono an der Wand. Danach löschten sie das Licht und legten sich schlafen.

Das Mondlicht fiel durch den Spalt der Tür nach drinnen und ließ den Puder auf ihren Gesichtern sanft schimmern.

Unter Ichikawas erstaunten Augen verjüngten sie sich mit jedem Atemzug. Bald schon lagen vor ihm der junge Schauspieler und eine ebenso bildschöne junge Frau, die seine Schwester sein musste.

“Das ist sein Geheimnis!”, dachte Ichikawa bei sich und sein Herz schlug schneller.

Die Dose mit dem Puder stand am Kopfende der beiden Schlafenden, gar nicht weit von ihm entfernt. Zitternd schob er die Tür weiter auf und kroch hinein. Die Schlafenden rührten sich nicht. Ichikawa nahm zuerst die Dose an sich. Dann, zögernd, tastete er nach dem Dolch in seinem Gürtel. In dem Moment als er schon zustoßen wollte, hörte er draußen an der Straße Leute vorbeigehen und bekam es mit der Angst.


Am nächsten Abend, dem Abend der ersten Vorstellung, bebte Ichikawa förmlich in Erwartung seines Triumphes. Barsch verwies er alle Bediensteten des Theaters aus seinem Ankleidezimmer. Als er allein war, stäubte er sich gierig von oben bis unten mit dem Puder ein, bis es ihm fast den Atem nahm und badete dann am offenen Fenster ihm Licht des fahlen Abendmondes.


Das Theaterpublikum von Sakai sollte danach noch lange von diesem Abend reden. Als der Vorhang sich zum ersten Akt öffnete traten zwei Figuren auf, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten: Zu einer Seite herein schritt der junge Held, strahlend und in glänzendem Gewand, ein großartiger erster Auftritt in der neuen Stadt.

Zur anderen Seite aber kam der berühmte Ichikawa. Er warf sich in großartige Pose, doch war er verdreckt, mit wirrem Haar und von oben bis unten mit Asche besudelt. Seine Stimme versagte, als er anhob zu sprechen. Er sah an sich herab, fassungslos und erschrak. Dann versank der Saal in einer endlosen Flut von Gelächter.


Ichikawa soll schließlich von der Bühne geflohen sein. Manche sagen, er habe sich noch in der selben Nacht in den Fluss gestürzt. Doch keiner weiß genau, was aus ihm geworden ist.


Auch der junge Schauspieler verschwand kurz darauf. Wo das Haus am Rande der Stadt gestanden hatte, fand sich nurmehr ein Haufen Asche, von Unkraut bewuchert. Es sei vor vielen Jahren schon abgebrannt, erzählten die Nachbarn des Viertels. In klaren Nächten sah man dort manchmal zwei Füchse, die verschmitzt im Mondlicht tollten.


Von UY


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