Die Winterfrauen

In den eisigen Bergen des Nordens lebte einmal ein junger Holzfäller einsam in einer Waldhütte. Seine Eltern waren jung gestorben und die restliche Verwandtschaft weit entfernt, sodass es keinen gab, der ihm eine Frau finden konnte. Auch wenn er das kleine Dorf im Tal manchmal aufsuchte, war er vom abgeschiedenen Leben so schüchtern und seine Manieren so ungelenk, dass die Mädchen nur tuschelten und hinter seinem Rücken über ihn lachten.

Er war deshalb sehr traurig. Oft träumte er abends allein in seiner Hütte vor sich hin wie schön es wäre die Stimmen und das Lachen einer lieben Frau und eines Kindes um sich zu haben. 


Der Winter kam und die Pfade schneiten ein, bis er nicht mehr hinunter ins Dorf gehen konnte. Er saß daher viel an seinem Haus und bewunderte die klare Schönheit der Eiszapfen an seinem Dach, die in der Wintersonne herrlich funkelten und glänzten. 

Eines abends dann, als er im Dunkeln an der Kochfeuerstelle saß und dem Getöse eines Schneesturmes lauschte der draußen einher fegte, klopfte es an seiner Tür. Verwundert und ungläubig horchte er auf, doch tatsächlich: Es klopfte noch einmal. 

Er öffnete und sah in den wehenden Schneeflocken eine junge Frau stehen, die sich zum Gruß vor ihm verbeugte. Woher sie kommen mochte, war ihm ein Rätsel, denn sie trug nichts bei sich als die Kleider an ihrem Leib und die waren von zartester, hauchfeiner Seide. Gerade wollte er sie anreden, da hob sie den Kopf und bat mit sanfter Stimme: "Ich weiß, es ist spät und sicher ungelegen, doch hättest du ein Obdach für die Nacht?" Ihr Gesicht war so schön und ihr Betragen so freundlich, dass es alle Zweifel fortnahm. Er bat sie also herein. 


Sie schien im tiefen Schnee so eingesunken zu sein, dass auch als sie ihr oberstes Reisegewand ablegte von ihrem Kimono noch unablässig kleine Eiskristalle herabfielen. Er bot ihr an sich zu setzen und brachte ihr heißen Tee und eine Suppe, beschämt nicht mehr anbieten zu können. Sie lehnte aber dankend ab. 

"Ich bin von meiner Herrin geflohen, die eine grausame Frau ist.", berichtete sie, "Weit und schnell bin ich gelaufen durch den eisigen Sturm. Ich bitte um deine Nachsicht, dass ich erschöpft bin und mich ohne Abendmahl sogleich zur Ruhe legen möchte."

Der junge Holzfäller freilich verstand dies und bereitete ihr schnell ein warmes Lager in der Nähe der Kochfeuerstelle. Sie lehnte auch dies ab und bestand stattdessen darauf, in dem kleinen Zimmer neben dem Eingang zu schlafen, das kaum eine Matte groß war. 

Er kam ihrem Wunsch nach, doch fand er danach keine Ruhe. In dem kleinen Raum wo sie schlief wurde es nachts im Winter sehr kalt und er sorgte sich um sie. Es war eine liebevolle Sorge, die sich in seinem Herzen geregt hatte, genährt von der Hoffnung, die junge Frau möge bei ihm bleiben, wenn es ihr gefiele, bis der Schnee auf den Pässen getaut wäre.  

Auf leisen Sohle schlich er in das Nebenzimmer um nach ihr zu sehen. Sie lag tief schlafend, beinahe reglos und unfassbar schön. Das Deckbett hatte sie von sich gezogen, daher ging er vorsichtig näher heran und deckte sie wieder zu. Als seine Hand dabei die ihre berührte, spürte er dass sie ganz kalt war. Daher holte er ohne sie aufzuwecken auch sein eigenes Deckbett heran, das vom Feuer und seinem Körper gewärmt war, und breitete es über sie aus.

Danach ging er beruhigt schlafen.


Am nächsten Morgen hatte der Sturm sich etwas gelegt und sein Herz war voll Freude. Mit einem Lied auf den Lippen bereite er Reis zu und fegte das Haus. Dann schlug er etwas Holz für das Feuer klein. Als selbst davon sein Gast bis zum Mittag nicht erwacht war, gestattete er es sich an ihre Tür zu klopfen. Er wartete, doch er hörte nichts. Mit einem seltsam bleiernen Gefühl schob er die Tür zur Seite und fand die Bettstatt leer. Die Decken lagen noch übereinander. Als er sie anhob waren sie klamm, von Rauhreif bedeckt und durchnässt von eisigem Wasser. 

Lange starrte er reglos darauf, bis der Abend kam.


Dann erhob sich erneut und mit rasender Wut der Schneesturm. Und erneut, mit Einbruch der Nacht, klopfte es an seiner Tür. 

Er schreckte auf, rieb sich die starren, ausgekühlten Glieder und öffnete. Eine winzige Hoffnung war in ihm, er könne seinen Gast von letzter Nacht wieder vor sich sehen.

Tatsächlich stand dort wieder ein Frau, wenngleich eine gänzlich andere. Obwohl auch sie in reiche Gewänder gekleidet und übermenschlich schön war, glich ihr Gesicht einer kalten Maske des Zorns. 

Verschreckt von ihrer Erscheinung warf er sich zitternd zu Boden: "Hohe Herrin, wer immer Ihr seid, was wünscht Ihr von mir unbedeutendem Holzfäller?", fragte er mit bebender Stimme. 

Sie blickte auf ihn herab mit Augen so eisig grau wie der Winterhimmel. 

"Ich bin der Geist dieser Berge und suche meine  Dienerin.", gab sie zur Antwort. "Das dumme Ding lief davon, weil sie glaubte, sie könnte ein Mensch werden."

Der Holzfäller zitterte und fürchtete sich. Weil er aber ein ehrlicher Mensch war, beichtete er die ganze Geschichte.

"Vergebt mir, hohe Herrin.", bat er am Schluss und verbarg sein Gesicht in den Händen.

"Es gibt nichts zu vergeben", kam es schneidend kalt zurück, "Sie hätte es besser wissen sollen, als sich mit einem törichten Menschen einzulassen. Dennoch brauche ich nun einen neuen Diener in meinem Haus."

Bei diesen letzten Worten wuchs der Sturm zu ohrenbetäubendem Geheul und hüllte das kleine Haus völlig ein. Scharfe Eiskristalle bedeckten den am Boden kauernden Mann bis er gänzlich kalt und steif gefroren war. 

Bald schon war das Schneetreiben undurchdringlich für jeden Blick. Und tausende Flocken wehten in Richtung der Berge, die gewaltig und kalt unter dem Nachthimmel trohnten.

 

Autor: UY

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