Die Teeschale

Es lebte einmal vor nicht allzu langer Zeit in Tou ein Knecht namens Junkichi. Er war etwas in die Jahre gekommen und nicht heraussragend klug oder geschickt, diente seinem Herrn aber treu.

Der Herr selbst war vom edlen Stand, wenn auch weniger im Kriege als vielmehr in der Schreibstube heimisch.

Da er verwitwet und die Kinder bereits außer Haus waren, verbrachte der Herr viele Stunden mit Freizeitbeschäftigungen. Ganz besonders schätzte er die Kunst des Teetrinkens und daran wiederum vor allem die raue, stille Schönheit der von großen Meistern gefertigten Teeschalen.

Gerade hatte er seiner erlesenen Sammlung ein neues Stück hinzugefügt. Es war eine Schale, deren dunkler Brand und bewegte Form einem Fels oder einem uralten Baume glich. Man sagte, einer der ersten Meister des Tees habe sie eigenhändig hergestellt.

Der Herr war zurecht stolz und hütete die Schale mit großer Sorgfalt. Nur an besonderen Tagen nahm er sie zum Betrachten aus ihrer Schachtel heraus.

Wie es so geht, hörte sein Vorgesetzter in der Schreibstube davon und bat ihn, die Schale eine Weile leihen zu dürfen um sich selbst in ihre Betrachtung zu vertiefen. Das konnte der Herr nun schlecht abschlagen und willigte zögerlich ein. Die Schale blieb ein paar Monate bei dem Vorgesetzten, dann erreichte die Nachricht das Haus des Herrn, er möge sie, mit allem ergebenen Dank, wenn es ihm gefiele nun wieder abholen.

Der Herr war selbst etwas kränklich in jenen Wochen und schickte daher ein Schreiben zur Entschuldigung, dass er seinen guten Knecht Junkichi bitten würde den Gang zu machen.

Junkichi, sich der Tragweite seiner Aufgabe wohl bewusst, wurde in das Haus des Vorgesetzten geladen. Dort genoss dieser gerade noch ein letztes Mal den Anblick der Schale. Ein Diener trug sie dann fort und kam kurz darauf mit einer Holzschachtel zurück, die er Junkichi reichte.

Junkichi nahm das wertvolle Stück ehrfürchtig entgegen und verabschiedete sich.

Auf seinem Heimweg, der nicht besonders weit war, ging er äußerst achtsam. Er schaute auf jeden Stein und jede Wurzel, um ja nicht zu stürzen oder auch nur zu straucheln.

So kam er langsam, doch ohne jeden Zwischenfall im Hause eines Herrn an.


Als der Herr aber die Schachtel öffnete, entfuhr ihm ein wütender Schrei: Die Schale darin war in Scherben. “Was soll das sein?”, fuhr er Junkichi an. Der erbleichte vor Schreck und starrte fassungslos auf die zerbrochenen Überreste. Es war ihm unbegreiflich, wie es dazu hatte kommen können bei all seiner Vorsicht.

Allerdings hatte er die Schale noch heil in den Händen des Vorgesetzten gesehen. Es konnte also nicht anders sein, als dass sie ihm auf dem Weg zu Bruch gegangen war.

Weinend warf er sich zu Boden und bat um Vergebung, doch es half nichts.

Außer sich vor Wut über die Verfehlung schlug sein Herr ihm noch an Ort und Stelle den Kopf ab.


Tatsächlich war es, wie man schon ahnen mag, der Vorgesetzte selbst gewesen, der die Schale zerbrochen hatte. Er hatte befürchtet, dass sein Untergebener damit die Gunst des Fürsten würde gewinnen können, was ihm selbst nicht zu Passe kam. Da er wusste, dass der Herr krank das Bett hüten musste, hatte er auch vorausgesehen, dass dieser nicht selbst kommen würde um die Schale zu holen. Er hatte also eine Kopie anfertigen lassen, die gerade gut genug gewesen war, den armen Junkichi von fern zu täuschen. Dann hatte er dem treuen Knecht eine Schachtel voll Scherben mit auf den Weg gegeben.


Die Erzählungen, was danach geschah, sind mannigfaltig: Manche sagen, man habe in jenem Ort – welcher genau, das weiß keiner – des nachts oft einen Mann gesehen, der auf dem Weg nach etwas suchte. Wenn man ihn ansprach, so sagte er: “Ich suche den Stein, über den ich gefallen bin.” Und nicht wenige meinten, eine blutige Spur um seinen Hals laufen zu sehen.

Auch sei der Geist des öfterern gesichtet worden, bevor eine wertvolle Sache zu Bruch ging.


Wieder andere erzählten, der besagte Vorgesetzte habe später ebenfalls eine Teeschale an Junkichis Herrn verleihen wollen. Als man deren Schachtel öffnete, befand sich darin aber nur die Fälschung des vorher zerbrochenen Kleinods, eingeschlagen in ein blutgetränktes Tuch. Junkichis Herr sei zu diesem Zeitpunkt bereits höher an Rang gewesen und habe daher den anderen für die Beleidigung gerichtet.


Jedenfalls ist aus dieser Geschichte eine Redensart in Tou entstanden. Wann immer ein Unschuldiger für die Taten eines anderen herhalten muss, sagen die Leute: “Junkichi weint.” und meinen damit doch nur ihre eigenen Herzen.


Autor: UY


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