Der Stein

Eine reiche Frau kam mit einem Anliegen zu mir. Sie wollte, dass ich ihr Haus segne und einen Schutzzauber knüpfe, damit es nicht mehr von einem Geist heimgesucht würde. Nicht, dass dies eine seltene Bitte wäre, doch in diesem Fall entspann sich eine ungewöhnliche Geschichte.


Als ich sie nach den Hintergründen fragte, erklärte die reiche Frau mir, dass ihre Mutter ihr Leben lang allerlei Geschäfte getätigt und so den Reichtum der Familie vermehrt hatte. Von dem, was sie tat, wusste und verstand ihre Tochter nicht viel. Es habe jedoch wohl einen Partner gegeben, mit dem ihre Mutter alle größeren Unternehmungen gemeinsam bestritten hatte, bis er eines Tages spurlos verschwunden war. Die Tochter, damals noch ein kleines Mädchen, hatte sich darüber nie Gedanken gemacht und es war auch nichts, worüber ihre Mutter sprach. Doch durch den Gewinn der letzten Unternehmung war sie in der Lage gewesen, ein Haus zu bauen, größer und schöner als jedes andere in der Stadt, aus wunderbaren Hölzern, kunstvoll geschmückt und eingerichtet. Die Mutter und ihre Tochter lebten darin einige Jahre, bis die ältere der Frauen schließlich erkrankte und starb.


Dann, eines Tages, fiel der Erbin des Hauses auf, dass eine Mauer am Randes des Grundstückes beschädigt war und Risse zeigte. Sie sah es sich genauer an und fand einen großen Stein, der von außen gegen die Mauer drückte. Verwundert, wie dieser beim Bau des Hauses übersehen worden sei, ließ sie die Sache erst auf sich beruhen. Doch dann merkte sie, dass dieser Stein sich jeden Tag ein winziges Stück weiter auf das Haus zubewegte. Erst zweifelte sie an ihrer eigenen Beobachtung, dann markierte sie die Position des Felsens und bewies so, dass er tatsächlich vorrückte. Groß, wie er war, und unaufhaltbar, zerbrach er nach und nach die Mauer und drang durch das Loch in den Garten ein. Die reiche Frau bezahlte starke Männer, die den Felsen aufheben und wegtragen sollten, doch so sehr sie sich auch mühten, für ihren Lohn ein Ergebnis zu bringen, sie vermochten den Felsen nicht vom Boden zu lösen oder auch nur zu verschieben. Es war, als wäre er mit dem Zentrum der Welt selber verankert.


Der Stein setzte seinen Weg fort und bedrohte nun das Haus – er hatte die erste Wand bereits erreicht. Die reiche Frau ahnte, dass es keine weltliche Macht gab, die ihn aufhalten konnte, deswegen kam sie letztlich zu mir. Gemeinsam gingen wir zu ihrem Anwesen und ich versuchte, etwas mit Gebeten und Segnungen auszurichten, doch ohne Erfolg – der Geist, der den Stein schob, war zu zornig, zu entschlossen in seinem Tun. Also kamen wir auf den Gedanken, der Spur des Stein zu folgen um zu sehen, woher er eigentlich gekommen war. Anfangs war das einfach, denn er hatte auf seinem Weg Pflanzen niedergedrückt. Später mussten wir nach jungen Bäumen Ausschau halten, die gebrochen, dann nach größeren, die unten an ihrem Stamm beschädigt waren. Die reiche Frau bezahlte einen erfahrenen Waldläufer, der uns die Spur des Steins zeigte und uns wurde klar, dass er seit vielen Jahren unterwegs gewesen sein musste. Als auch die Fertigkeiten des Mannes der Aufgabe fast nicht mehr gewachsen waren, kamen wir an einen Ort unweit einer Karawanenstraße.


Hier fanden wir einen ganzen Steinhaufen, der aufgewühlt wirkte, so als hätte sich der größte unter ihnen hervor gedrückt, um seine Wanderung zu beginnen. Behutsam entfernten wir die verbliebenen Steine und entdeckten die Knochen eines Menschen, dessen Schädel eingeschlagen worden war. Die Kleidung des Toten musste einst reich gewesen sein, an den Knöcheln seiner Finger steckten noch die Ringe, er war nicht ausgeraubt worden. Das Siegel auf einem von ihnen erkannte die reiche Frau wieder – es prangte unter alten Verträgen, die sie im Haus gefunden hatte. Mit großem Gram verstand sie, dass es ihre eigene Mutter gewesen sein musste, die ihren Partner hatte töten lassen, vielleicht in einem Streit, vielleicht auch nur, um den großen Gewinn ihrer letzten gemeinsamen Unternehmung alleine einzustreichen. Und so war dessen Geist nun darauf aus, das zu zerstören, was so ungerecht und auf so niedere Art erworben worden war.


Ich weiß nicht, was den Ausschlag gab – die aufrichtigen Tränen, die die reiche Frau an dem Grabhügel weinte ob des vergangenen Unglücks, ihre Zusage, die Geschichte nicht zu verheimlichen und die Familie des Toten darüber aufzuklären, was passiert war. Oder auch nur die Segnung, die den Ort zu einem wirklichen Grab machte. Ich weiß aber, dass der Stein seine lange Reise der Rache beendete, als der Geist Genugtuung fand, auch ohne das Haus zu zerstören. Sonderbar genug, dass noch so viel Menschliches in ihm war, dass er unterscheiden konnte zwischen der Frau, die ihn getötet hatte, und der Tochter, die nun in dem Haus lebte, das für sich selber ja keine Schuld tragen konnte. Der Stein liegt, dicht an die Hauswand geschmiegt, noch immer da, auch wenn er sich nun heben lassen würde. Die reiche Frau schmückt ihn und versieht ihn mit Opfergaben für alle Geister, die ruhelos unterwegs sind, weil ihnen Unrecht widerfuhr. Wer kann sagen, welchen Trost sie damit zu spenden vermag.


Text: Britta

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