Der Birnenbaum

Auf der Suche nach ihrem Vater kam eine Frau in das Dorf am Rande der Berge. Sie war schon lange unterwegs, denn der Herbst war angebrochen und entgegen seinem Versprechen war ihr Vater nicht von seiner Handelsreise zurückgekehrt. Um ihre Mutter zu beruhigen, hatte sie sich aufgemacht, um nach ihm zu fragen.

In vielen Orten erinnerte man sich an den freundlichen Herren, der Papier und Tinte anbot und, so man ein paar Bögen nahm, gleich noch Geschichten von den Städten entlang seiner Reisewege als Dreingabe zu erzählen wusste, so dass man gerne länger mit ihm sprach. Nein, Räuber gäbe es hier nicht und nein, man hätte auch nichts gehört von einer verschütteten Straße oder einem Unwetter. So ging die Frau mit stets leichterem Herzen weiter, bis sie in dem letzten Dorf gleich die Schatten in den Augen der Menschen sah, denen sie ihren Vater beschrieb. Alle schwiegen und wandten sich ab, bis endlich ein alter Mann ihren Arm nahm, ganz sanft. Der Trost, der in der Berührung lag, ließ sie das Schlimmste befürchten, und sie sollte sich nicht irren.

"Dein Vater, Reisende, kam und bot seine Waren feil. Es war noch nicht spät und er sagte, er wolle in den nächsten Ort weiter ziehen. Doch dann starb er."

Die Frau erschrak ob der einfachen, schrecklichen Worte. "Er starb? Warum?"

Unbehaglich blickte der Alte zur Seite.

"Ich kann dir zeigen, wo wir ihn begraben haben", bot er an. Und erst als sie an dem einfachen, namenlosen, aber mit allem Respekt errichteten Grabhügel standen, fuhr er fort, als wäre kein Moment seit ihrer Frage vergangen.

"Er starb, weil er Hunger hatte. Und doch ist er nicht verhungert."

"Dein Rätsel und mein Kummer passen nicht zusammen. Erzähl mir einfach, was geschehen ist."

Der alte Mann hob einen Arm und zeigte an den Rand des Dorfes, wo ein großes, aber halb zerfallenes Haus stand, das einst sehr schön gewesen sein musste. Neben ihm wuchs ein Baum, der der Frau seltsam erschien, ohne dass sie den Grund dafür hätte nennen können.

"Dies ist ein Geisterhaus, böse und gefährlich", warnte sie der Alte. "Es schützt sich selber. Wer dort übernachtet, wird wahnsinnig. Wer es abreißen will, hat einen Unfall und ist verkrüppelt oder stirbt gar. Doch so gefahrvoll das Haus selber ist, der wahre Tod steht daneben. Es ist der Baum."

Da erkannte die Frau, was an dem Baum falsch war. Es war Herbst, doch seine Blätter waren grün. Und während alle anderen Bäume längst ihre Früchte abgeworfen oder in die Obhut der Menschen gegeben hatten, trug dieser noch Birnen, voll und frisch, als wäre es erst Sommer.

"Erzähle mir seine Geschichte", bat die Frau und der Alte berichtete, dass als er ein junger Mann gewesen war, in dem Haus eine reiche Frau gelebt habe. Sie sei geizig gewesen und hochmütig, gewalttätig und übellaunig, so dass kein Hausangestellter bei ihr hatte bleiben wollen. Zu fein, um Arbeiten selber zu verrichten, war das Haus bald schmutzig und stinkend geworden, die Kleidung der Frau zerrissen, der Hof verwildert. In dem gleichen Maße, in dem das Haus immer abstoßender wurde, geschah dies auch mit der Bewohnerin, als wären sie beide eins. Schließlich machte jeder einen großen Bogen um das Anwesen. Nur wenn der Birnenbaum Früchte trug, schlichen sich Kinder und auch mache Erwachsene dorthin, um die köstlichen Früchte heimlich zu pflücken. Wurden sie dabei gesehen, verfolgt sie ein Schimpfen voller Verwünschungen auf ihrer Flucht über die Straße. So verachtet war die reiche Frau, dass als sie schließlich krank wurde, es niemand gab, der sich um sie gekümmert hätte, manche bemerkten es nicht einmal. Und als man sie schließlich tot in ihrem Haus fand, lag der Körper dort unbeweint und unbestattet seit Wochen. Man bereitete ihr pflichtschuldig ein Grab neben dem Birnenbaum und es gab keinen, der das Haus für sich in Anspruch nehmen wollte, so furchtbar war sein Zustand.

Der Winter wich dem Frühling und wandelte sich in den Sommer und als der Birnenbaum Früchte trug, kamen die ersten Kinder, um sie zu essen. Wer es tat, wurde krank – auch der alte Mann erinnerte sich schaudernd daran, wie schlimm es ihm ergangen war. In diesem Jahr wurde jeder wieder gesund, doch im nächsten starben eine alte Frau und ein kleiner Junge an den Birnen, verbrannt von einem häßlichen Fieber. Wer weise war, ließ nun die Finger von den verlockenden Früchten, doch gab es über die Jahre immer jemanden, der aus Unwissenheit, Hunger oder schlichtweg Unglauben von dem Baum aß. Jeder von ihnen starb, bald war es gleichgültig, wie stark und gesund er vorher war, wie klein der Bissen, den er zu sich genommen hatte. Der Baum jedoch trug jedes Jahr früher seine verlockenden Früchte, immer länger in den Herbst und Winter hinein, und schließlich stand er nie mehr ohne Laub, als würde er stärker und stärker mit jedem, den seine verfluchten Birnen töteten.

"Es sind die Seelen derer, die durch den Hass der reichen Frau sterben", erklärte der alte Mann. "Sie nähren den Baum, sie machen ihn mächtiger. Als Kind aß ich eine Birne, heute würde ich nicht den Stamm berühren wollen, ohne um mein Leben zu fürchten. Dein Vater, Reisende, wusste das nicht. Niemand sah, wie er sich eine Frucht nahm. Erst als er am Boden lag und es zu spät war, erkannten wir das Unheil."

Erschüttert verharrte die Reisende am Grab ihres Vaters, bis es Nacht wurde. Schlimm genug, dass sie die Nachricht von seinem Tod nach Hause bringen würde, schlimmer noch, dass er so fern von seiner Familie bestattet sein musste. Doch am schlimmsten war, dass seine Seele nun den Birnenbaum nährte und von dem Hass der Frau gefangen gehalten wurde, ohne Aussicht auf Freiheit, Wiedergeburt und Frieden. Als der Mond aufging und mit reiner, silberner Weisheit über ihr stand, sein blasses Anderweltlicht über sie, das Grab und den Birnenbaum gleichermaßen goss, aber vor den leeren, zerrissenen Fenstern des alten Hauses zurückschreckte, fasste die Reisende einen Entschluß.

"Mein Vater nahm, was ihm nicht gehörte, und starb durch seine eigene Schuld", sagte die Frau zu dem Haus, als sie die Türen aufschob. Das Holz knirschte splittrig, der Wind zischte durch die Ritzen, es klang wie eine Stimme, die keine Worte brauchte, um zu verwünschen. "Ich bin gekommen, um demütig um Verzeihung für ihn zu bitten. Bestraft mich statt seiner. Ich bin bereit, für ihn zu büßen."

Ohne ein weiteres Wort ging die Frau auf die Knie, verneigte sich tief, und als sie sich endlich wieder erhob, sammelte sie Geschirr ein, das zerbrochen und verstreut auf dem Boden lag. Sie wischte es mit den Ärmeln ihres eigenen Gewandes sauber und legte es säuberlich auf die verdreckten Regale, als wäre es im Dienste ihrer eigenen Mutter. So schaffte sie Ordnung die ganze Nacht hindurch.

Als der Morgen aufging, sahen die Dörfler in maßlosem Erstaunen, dass die Fremde in das Geisterhaus eingezogen war.

"Sie wird verrückt werden!", flüsterten die einen beklommen.

"Sie wird das nicht überleben!", sagten die anderen.

Doch alle schämten sich zu sehr, dass der Vater in ihrem Dorf gestorben war, und wandten sich ab und schwiegen, während die Frau Wasser aus einem Brunnen schöpfte und begann, die vermoderten Fußböden von dem Schmutz vieler Jahrzehnte zu reinigen. Sie riss das Unkraut aus dem Hof und benutzte das feine Papier aus der Ware ihres Vaters, um die Wände zu reparieren. Tag für Tag verging so mit Arbeit und Nacht für Nacht lag sie in der kleinsten der Kammern und hörte das Haus zischen und fluchen. Manches mal spürte sie einen Stich, als hätte man sie mit einem Eßstäbchen in die Seite gestoßen, dann wieder zog jemand grob an ihren Haaren, bis ihr die Tränen kamen. Sie fühlte Schläge und Tritte, kaum gespürt und doch so schmerzhaft, dass sie leise wimmerte in der Dunkelheit. Ihre Herrin zürnte ihr, tobte ihren Hass und ihre Einsamkeit an ihr aus.

Doch stets erwachte die Frau am nächsten Morgen, so dass sie ihre Pflichten wieder aufnehmen konnte. Sie tat es schweigend und allein, immer beobachtet, nie wirklich gesehen. Die Dörfler begannen, ihr Reis und Tee hinzustellen, nur an den Rand der Straße, niemand betrat das Haus. Auch nicht, als es schließlich nach vielen Wochen besser aussah noch als zu der Zeit, in der die reiche Frau dort gelebt hatte. Jedes Holz war poliert, jeder Raum sauber. Blumen standen in Vasen, die Federzeichnung fliegender Gänse schmückte die Nische am Eingang. Tee wartete auf dem Tisch und wurde nie getrunken, obschon die Schalen bereit standen. Die Frau kochte Reis und servierte ihn ihrer unsichtbaren Herrin. Ein gut gehütetes Feuer verbreitete einen behaglichen Schein und der Hof rund um den Birnenbaum war säuberlich gefegt. Auch wenn sie scheinbar alleine dort lebte, maßte die Frau es sich nie an, sich an den Tisch zu setzen und dort zu essen oder in dem großzügigen Raum zu wohnen. Sie nahm ihr Essen draußen zu sich und schlief nur in der kleinsten Kammer, auch als es Winter wurde und kalter Sturm durch das Dorf jagte. In den ersten Wochen hatte sie durch die Misshandlungen des Geistes nur wenig Ruhe gefunden, doch mit der Zeit wurden diese seltener. Und dann, an einem klaren, eisigen Tag, trat sie steif von der Kälte der Nacht vor die Tür und sah etwas auf dem Boden liegen. Sie ging hinüber und starrte es lange an. Es war ein Blatt von dem Birnenbaum, golden auf dem überfrosteten Sand.

Es dauerte noch einige Zeit, bis der Baum sich dem Willen des Winters beugte und seine Früchte verlor. Sobald eine Birne den Boden berührte, wurde sie sofort faulig und zerfiel, als wollte sie die unnatürlich gesammelte Zeit an die Welt zurückgeben, als würde der Geist, der sie am Leben gehalten hatte, aus ihr befreit. Die Frau nahm jede einzelne Frucht und bestattete sie in einem Winkel des Hofes, als wäre sie ein Mensch, verbrannte Kräuter und betete. Nach und nach erkannten die Dörfler, was geschah, und jene, die Angehörige und Freunde an den Baum verloren hatten, traten schweigend hinzu, um die Frau bei den Ritualen zu begleiten, verbrannten Geld und gaben Weihrauch in das Feuer.

Als die ersten Anzeichen des Frühlings zu erkennen waren, fiel die letzte der Birnen von dem Baum. Ein Seufzen schien durch das verdrehte Holz zu gehen und der Stamm sprang von der Wurzel bis zur Spitze. Die Frau hob die Frucht auf, schnürte sie in ihr Bündel und verließ das Dorf in Richtung ihrer Heimat, ohne zurückzublicken.


Text von Britta

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