Am Wege

Ein Bauer kam zu mir, dem auf dem Weg zu unserem Dorf sonderbare Geschehnisse widerfahren waren. Er berichtete sie mir und ich schreibe sie nieder als Worte der Mahnung.

Es dämmerte bereits nach einem langen Tag auf der Straße und der Mann wusste, dass es nur noch ein kleiner Weg bis zu Obdach und Nahrung war und schritt zügig aus, da hörte er eine Frau rufen. Bald sah er eine junge Bäuerin, die suchend am Wegesrand stand.

„Was ist dir abhanden gekommen?“, fragte er, denn er hatte ein gutes Herz. Die Frau hob die Hände und sah ihn flehentlich an.

„Meine Gans, guter Mann, meine Gans ist davongelaufen, als ich sie ausgeführt habe. Nun dämmert es schon und ich will heim, doch ohne sie kann ich nicht gehen.“

Der Bauer sah zwar keine Hütte in der Nähe, doch bezweifelte er die Worte der Frau nicht, denn Gänse sind flink und störrisch und haben ihre ganz eigene Idee von Treue und Gehorsam.

„Ich werde euch einen Moment suchen helfen, vielleicht habe ich mehr Glück. Doch nicht lange, denn auch ich will meinen Weg beenden.“

„Wenn ihr sie findet, gebe ich euch eins ihrer Eier zum Dank“, versprach die Frau. Der Bauer, wohl bekannt mit Hunger und Durst, fand das eine hervorragende Idee und nahm den Vorschlag gerne an.

„Ich gehe noch einmal den Weg auf und ab“, verkündete die Frau, nun deutlich ruhiger, „und ihr schaut hinter diesen Büschen, durch die sie vielleicht geschlüpft sein kann.“

Dem Bauer war diese Aufteilung recht und während das Licht immer mehr verschwand, suchte er nach einem guten Weg durch das dornige Gestrüpp, das hier zu dicht erschien sogar für ein Tier. Dann fand er ein Schlupfloch, beugte sich hindurch und wollte gerade voranschreiten, als etwas ihn innehalten ließ. Ihm war, als würde er ein allzu vertrautes Geräusch hören: Das leise Husten seines Großvaters, der im Frühjahr verstorben war. Verwundert blickte er auf und sah, dass die junge Bäuerin, obschon sie doch eben außer Sicht gegangen war, nun hinter ihm stand und ihn beobachtete, mit einem seltsamen, einem hungrigen Blick ohne Lächeln oder Freundlichkeit. Hinter ihr gingen die ersten Sterne auf und der hellste von ihnen, der Abendstern, schien durch die hindurch, als wäre sie aus Wasser. Plötzlich furchtbar erschrocken sprang der Bauer zurück und rannte in die Richtung, aus der er gekommen war. Erst als er sicher war, dass niemand ihm folgt, wartete er bis zum Morgengrauen frierend unter einem Felsüberhang, um im ersten Licht an die Stelle zurückzukehren. Er fand das Gebüsch und das Loch wieder, spähte hindurch und nun bei Helligkeit erkannte er sofort, was er im Dämmerlicht des Abends nicht hatte sehen können: Ein Abgrund tat sich dahinter auf, der Felsen brach ab und meterweit hätte ihn nicht als freier Fall erwartet und ein jäher Tod auf dem steinigen Grund. Dort unten, so sah er, lagen weiße Knochen von mehr als einer Gestalt.

Der Bauer erreichte unser Dorf sicher und unbeschadet vor der Mittagszeit.

 

Text: Britta

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